Die Irrlichter der EU-Taxonomie


Wie zielführend ist die EU-Taxonomie beim Erreichen der Pariser Klimaziele?


Im Jahr 2050 möchte die europäische Union der erste klimaneutrale Kontinent der Welt sein. Dieses Ziel hat die EU-Kommission im viel zitierten Grünen Deal formuliert. Zusätzlich haben alle 27 EU-Mitgliedstaaten unter dem Titel „Fit for 55“ vereinbart, dass die Emissionen bis zum Jahr 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 sinken sollen.

Alle damit einhergehenden Pläne dienen dem Erreichen der am 12. Dezember 2015 auf der UN-Klimakonferenz in Paris (COP21) von 195 Staaten sowie der EU verabschiedeten Klimaziele. Diese sehen vor, die menschengemachte globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten zu beschränken.

Als Irrlichter werden Leuchterscheinungen bezeichnet, die ab und zu in Sümpfen und Mooren, oder in besonders dichten, dunklen Wäldern sowie auf Friedhöfen zu sehen sind. Wissenschaftler vermuten darin eine optische Täuschung. Der volkstümliche Aberglaube sieht Irrlichter hingegen oft als arglistiges Werk übernatürlicher Wesen oder als die Seelen unglücklich Verstorbener. Irrlichtern zu folgen, bringt im Volksglauben Unglück.


CO2-Emissionen als Maßstab

Zu einem zentralen Gradmesser dafür, wann wirtschaftliche Tätigkeiten dem Grünen Deal und dem Erreichen der Pariser Klimaziele dienen, hat die EU-Kommission in der Taxonomie die CO2-Emissionen erkoren. Angesichts der Omnipräsenz des CO2-Ausstoßes in den Medien, auf Produktwerbungen, in Nachhaltigkeitsberichten, Statements von Klimaschutz-NGOs usw. könnten Konsumenten und Anleger gut und gerne meinen, dass der CO2-Ausstoß der alles entscheidende Faktor für das Stoppen des Klimawandels ist.

Jedenfalls lässt sich mit möglichst geringem CO2-Ausstoß heutzutage viel Aufmerksamkeit gewinnen, zum Beispiel für CO2-neutral produzierte Waren und Lebensmittel, Autos gänzlich ohne CO2-Ausstoß, bessere Wärmedämmung für weniger CO2-Emissionen und CO2-freie Stromerzeugung. Auf diesen Trend springen natürlich auch die Anbieter von Finanzprodukten auf.

Klimaschutz-Strategien unter der Lupe

Asset Manager und Indexanbieter wie MSCI oder S&P achten beim Allokieren ihrer Anlagestrategien bzw. Indices vermehrt auf den CO2-Fussabdruck. Getätigte Investments, vorzugsweise in Aktien, die stellvertretend für wirtschaftliche Tätigkeiten stehen, sollen möglichst geringe CO2-Emissionen aufweisen. Titel mit niedrigem CO2-Ausstoß (die Frage, wie börsennotierte Unternehmen diesen überhaupt für sich berechnen, lassen wir an dieser Stelle einmal außer Acht) werden übergewichtet, Titel mit hohem CO2-Ausstoß untergewichtet oder gar ausgeschlossen.

Denn, so die Kern- und immer öfter auch Werbeaussage dahinter, je geringer der errechnete CO2-Fußabdruck eines Portfolios oder Index ist, desto mehr trägt der Anleger durch seine Investition zum Erreichen der Klimaziele bei. Je geringer der CO2-Fußabdruck, desto grüner ist quasi das Finanzprodukt oder der Index. Produkt- und Indexanbieter treten zunehmend in einen Wettbewerb ein, wer das Finanzprodukt mit den geringeren CO2-Emissionen anbietet.

Wer hat den geringsten CO2-Fußabdruck?

Wer heute mit dem möglichst geringen CO2-Fußabdruck seines Portfolios oder Index werben möchte, muss sich in der Asset Allokation auf jene Unternehmen bzw. wirtschaftliche Tätigkeiten konzentrieren, die heute bereits einen vergleichsweise geringen CO2-Ausstoß vorweisen können. Welche Unternehmen sind das?


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Dazu reicht ein Blick auf die Top-10-Positionen der globalen Klimaschutz- bzw. Klimaziel-Indices der großen Indexprovider. Dort finden wir an vorderster Stelle Aktien von Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet (Google), Tesla und Nvidia. Diese Top-Positionen repräsentieren in Summe zwischen 20 Prozent und 35 Prozent des jeweiligen Index.

Indices dienen bekanntlich als Referenz, quasi als Basiswert, für Exchange Traded Funds. ETFs, die sich dem Klimaschutz und dem Kampf gegen den Klimawandel verschrieben haben (das sind übrigens die ersten beiden Umweltziele der EU-Taxonomie zu denen es seit 1. Januar 2022 überhaupt Bewertungskriterien gibt), sind also de facto Hightech-Fonds mit Fokus auf (überbewertete?) US-amerikanische Unternehmen. Und diese Unternehmen zu finanzieren ist das Ziel der EU-Taxonomie?

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Nein, natürlich ist es nicht das Ziel der EU-Taxonomie, US-Konzerne zu bevorzugten Zielinvestments der Asset Manager und Indexanbieter zu machen. Genau das ist aber augenscheinlich die Folge des überbordenden Regelwerks. Gut ist, was heute bereits grün ist, sprich wenig CO2 verursacht, und nicht, was heute noch viel CO2 emittiert und frisches Geld bräuchte, um diesen CO2-Ausstoß zu reduzieren.

Die EU-Taxonomie löst eher Investitionen in (US-)Dienstleister aus, die naturgemäß vergleichsweise wenig CO2 verursachen, als in (europäische) Industriekonzerne, die viel Geld benötigen, um ihren heute noch hohen CO2-Ausstoß durch teure Maßnahmen zukünftig zu reduzieren. Das Investitionskapital fließt also im Sinne der EU-Taxonomie und des Wettbewerbes unter den Produktanbietern nicht an jene Unternehmen, die es zum CO2-Reduzieren benötigen würden, sondern an jene, deren Geschäftsmodell von Natur aus weniger CO2 verursacht.


Nicht nur, dass damit das europäische Investitionskapital – das unsere Unternehmen sehr gut brauchen könnten – aus Europa abfließt, konterkariert diese Folge der EU-Taxonomie auch das ursprüngliche Ziel des Grünen Deals. Verkehrte (europäische) Welt. Es wäre leider nicht das erste Irrlicht der Europäischen Union mit dramatischen Folgen.