
Studien liefern gegensätzliche Ergebnisse zu nachhaltigen Anlageprodukten
Ende der 2010er-Jahre herrschte noch der „intensiv-grüne“ Zeitgeist. Die EU-Kommission und ihre damals neue Präsidentin Ursula von der Leyen traten an, um Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent der Erde zu machen. Sie entwickelten den Plan, privates Anlagekapitel im Sinne der EU-Taxonomie vermehrt in nachhaltige Investitionen umzulenken. Die von der Politik ersonnenen nachhaltigen Finanzprodukte gemäß Artikel 8 und 9 der EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) erwiesen sich jedoch als wenig förderlich für die grüne Transformation. Auch deren Erfinder haben das bereits erkannt und arbeiten seit 2023 an einer Überarbeitung.
Überbürokratisiert und komplex
Selbst für große Produktanbieter ist es eine Herausforderung, nachhaltige Finanzprodukte, wie Investmentfonds, ETFs und Lebensversicherungen, gemäß SFDR rechtskonform zu gestalten. Das laufende Berichtswesen ist angesichts immer noch mangelhafter Verfügbarkeit von ESG-Daten eine zusätzliche Mammut-Aufgabe. Die damit verbundenen Rechts- und auch Reputationsrisiken sind erheblich, ebenso wie der finanzielle Einsatz.

Gleichzeitig gestaltet sich die seit August 2022 verpflichtende Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen bei Kunden höchst komplex und langwierig. Viele Kunden verzichten darauf und stufen sich als „nachhaltigkeitsneutral“ ein. In Summe leistet die „grüne“ Regulatorik der grundsätzlich guten Idee von nachhaltigen Investments einen Bärendienst.
Studie 1: Interesse schwindet
Der AfW Bundesverband Finanzdienstleistung, das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) und die Universität Kassel haben eine Umfrage zur Realität nachhaltiger Geldanlagen in der Beratungspraxis durchgeführt. Die 257 befragten Berater gaben an, dass das Interesse ihrer Kunden an nachhaltigen Finanzprodukten gering (32 %) oder sehr gering (32 %) ist. Nur 22 % erkennen bei Anlegern ein sehr hohes oder hohes Interesse an ESG-Investments. 2022 sei dieser Wert noch bei über 50 % gelegen.

Als Gründe gaben die Befragten mit großer Mehrheit (81 %) an, dass sie die regulatorischen Anforderungen nicht für angemessen halten. Knapp 70 % der Berater gehen zudem davon aus, dass ihre Kunden kein, sehr geringes oder eher geringes Wissen über nachhaltige Produkte haben.
Studie 2: Mehrheit für Nachhaltigkeit
Die BarmeniaGothaer-Versicherung kommt in einer Anlegerstudie, die sie gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut forsa durchgeführt hat, zu einem ganz anderen Ergebnis. Für die Mehrheit der (deutschen) Anleger spiele Nachhaltigkeit bei Anlageentscheidungen weiterhin eine wichtige Rolle.
53 % der Befragten halten Nachhaltigkeit bei der Geldanlage für wichtig. 18 % finden das Thema sogar sehr wichtig, während 35 % es als eher wichtig bewerten. Damit sei der Anteil jener Anleger, die Nachhaltigkeit bei ihrer Anlageentscheidung eine Bedeutung zuschreiben, im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht angestiegen.
Hoffen auf „Relaunch“
Bei der Geldanlage stehen – trotz aller grüner Ambitionen der EU – unverändert Rendite und Risiko im Vordergrund. Gleichzeitig auch nachhaltig zu investieren, wird als „Mitnahmeeffekt“ akzeptiert, aber in der Anlagepraxis von den meisten Anlegern nicht forciert. Ob nachhaltige Anlageprodukte nach der Überarbeitung der Regulatorik zum Liebling der Anleger avancieren, wird auch davon abhängen, ob die Rahmenparameter für Produktgeber und Finanzberater treffsicherer und weniger komplex werden.
Dieser Beitrag ist erstmal im Börsen-Kurier Nr. 20 vom 15. Mai 2026 erschienen.
