Luxusproblem Nachhaltigkeit

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Wie sehr ist Nachhaltigkeit ein „Luxusproblem“?

Ein nachhaltig verantwortungsvoller Lebensstil ist auch eine Frage des – gut gefüllten – Geldbeutels.

Wir alle sollten nachhaltiger leben, umwelt- und klimafreundlich konsumieren und stets auch das Wohl der Gesellschaft berücksichtigen. Nur so tragen wir wirksam zu mehr Nachhaltigkeit bei. Alleine schon, dass wir Zeit und Muße haben, uns darüber Gedanken machen, ist ein Privileg. Würde es uns nicht finanziell gut gehen, könnten wir uns Nachhaltigkeit auf diesem hohen Niveau weder beruflich noch privat leisten.

Nachhaltig Geld anlegen

Nachhaltige Finanzprodukte erleben gerade einen Boom. Auf Drängen der EU sollen Privatanleger verstärkt nachhaltig investieren, um die Ziele des Green Deal mitzufinanzieren. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat gerade mit einer Studie belegt, dass im Jahr 2020 mit „grünen“ Investmentfonds bessere Renditen erzielt wurden als mit nicht-nachhaltigen. Ohne Geld zum Investieren können Sie aber weder einen finanziellen Beitrag leisten noch Rendite erzielen.

Nachhaltig einkaufen

Regional produzierte und saisonal konsumierte Lebensmittel, von Obst und Gemüse über Butter und Käse bis zu Fleisch und Fisch, gelten als nachhaltig. Vorzugsweise in Bio-Qualität oder mit Fairtrade-Siegel, damit Tiere artgerecht gehalten werden und Bauern samt Erntehelfer einen angemessenen Lohn erhalten. Dafür greifen jene, die es sich leisten können, an der Supermarktkasse gerne etwas tiefer in die Geldbörse. Wer jeden Euro zweimal umdrehen muss, bevor er oder sie ihn ausgibt, muss weiterhin zum Sonderangebot aus der Monokultur oder Massentierhaltung greifen.


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Nachhaltig Auto fahren

Elektroautos fahren lokal emissionsfrei. Im Kampf gegen schädliche CO2-Emissionen verkauft uns die Politik E-Autos als die Lösung, fördert sie mit Kaufprämien und spendiert Steuerzuckerln (weshalb der Löwenanteil neu zugelassener E-Autos von Unternehmen angeschafft wird, und nicht von Privaten). Familientaugliche Stromer sind trotz Förderungen für viele Haushalte unerschwinglich. In städtischen „Mietskasernen“ mit hunderten Wohneinheiten mangelt es zudem an der Ladeinfrastruktur.

Vom Häuschen im Grünen mit eigener Photovoltaik-Anlage am Dach können die Mieter nur träumen. Sie zählen vielfach nicht zu den Einkommensstärksten, also bleiben sie beim alten Diesel oder Benziner. Das emissionsfrei Autofahren ist ein teures Vergnügen, und bleibt daher ein unerfüllter Traum.

Nachhaltig kleiden

Berichte von Bekleidungsfabriken in Billiglohnländern wie Bangladesch schockieren uns: Arbeiter stehen bis zu den Knien in giftigen Brühen zum Färben und Gerben, Arbeitssicherheit ist ein Fremdwort, der Lohn reicht kaum zum Überleben, 12-Stunden-Arbeitstage sind die Regel. Solche prekären Arbeitsverhältnisse bescheren uns bunte Fast Fashion und T-Shirts um 3,99 Euro, die am Ende tonnenweise in der südamerikanischen Wüste deponiert werden.

„Made in Europe“ oder gar „Made in Austria“ sollte unsere Kleidung sein, das wäre nachhaltig. Nur kostet dann ein T-Shirt keine 3,99 Euro, sondern 50 Euro. Ein Alleinerzieher, der mit Müh und Not drei Kinder mit dem Notwendigsten versorgen kann, hat keine andere Wahl als zur Billigware aus Fernost zu greifen.

Nachhaltigkeit kostet Geld

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass Nachhaltigkeit insbesondere etwas für Gutverdiener ist, für all jene, die in Wohlstand (und Frieden!) leben und beim Einkaufen nicht auf den einzelnen Euro schauen müssen. Jene, denen angesichts galoppierender Inflation bereits steigende Lebenshaltungs- und Energiekosten den letzten Euro aus dem Portemonnaie ziehen, können sich den Luxus von Nachhaltigkeit schlichtweg nicht leisten.

Solche rein ökonomischen Aspekte führen dazu, dass sich große Teile der (Welt-)Bevölkerung kaum für Nachhaltigkeit interessieren. Viele Menschen haben nun einmal ganz andere, um nicht zu sagen echte alltägliche bis existenzielle Sorgen. Der persönliche CO2-Fußabdruck ist keine davon. Daraus ist ihnen kein Vorwurf zu machen. Nachhaltig verantwortungsvoll zu leben ist eben auch eine Frage des Geldbeutels.

Erschienen als Beitrag im Börsen-Kurier Nr 16 vom 21. April 2022


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